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„Die Möglichkeiten der Migränevorbeugung werden selten ausgeschöpft“

Migräne

Nicht-medikamentöse Maßnahmen und Medikamente senken den Leidensdruck

Alles ist zu laut, zu hell, zu viel. Der Kopfschmerz hämmert halbseitig, die Übelkeit kommt in Wellen. Wer einmal eine Migräneattacke erlebt hat, weiß: Sie ist eine Tortur für den ganzen Körper.

 

Für Menschen, die häufig Migräne haben, bedeutet die nächste Attacke zudem eine ständige Bedrohung. Häufige Krankheitstage, die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln und die psychische Belastung machen auf Dauer mürbe. Über den Umgang mit Migräneattacken, Auswege aus der chronischen Migräne und den Stellenwert der Migräneprophylaxe informierten Expertinnen und Experten der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, der MigräneLiga Deutschland und der Deutschen Schmerzliga. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

 

Wie komme ich möglichen Ursachen von Migräne am besten auf die Spur?

Dr. med. Jürgen M. Klotz: Der erste Schritt sollte eine gründliche Untersuchung durch einen Arzt oder eine Ärztin sein, die sich mit Kopfschmerzen und Migräne gut auskennt, zum Beispiel eine Neurologin oder ein Neurologe. Dabei geht es neben den biologischen Ursachen immer auch um psychische und soziale Faktoren, denn die Auslöser einer Migräne können sehr vielfältig sein. Hilfreich bei der Diagnose ist ein so genanntes Kopfschmerz-Tagebuch, in dem Sie Besonderheiten vor Auftreten der Migräneattacken notieren, etwa Aufregung oder Stress, Erholungsphasen, Änderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus, Menstruation, Nahrungsmittel oder Alkohol. Einen empfehlenswerten Kopfschmerzkalender finden Sie unter www.dkmg.de. Auf Basis der Aufzeichnungen können Sie den für sie wichtigen Auslösern gemeinsam mit Ihrem Arzt am besten auf die Spur kommen.

 

Warum helfen mir herkömmliche Schmerzmittel bei einer Migräneattacke nur wenig?

Dr. med. Torsten Kraya: Für die fehlende Wirksamkeit der herkömmlichen Schmerzmittel bei Migräne kann es verschiedene Ursachen geben. Häufig werden Schmerzmittel zu spät eingenommen. Sie sollten möglichst bei Beginn der ersten Symptome und in ausreichend hoher Dosierung verabreicht werden: Bei Acetylsalicylsäure und Paracetamol sind dies bis zu 1000 mg, bei Ibuprofen bis zu 800 mg. Gegen Übelkeit oder Erbrechen kann parallel ein Antiemetikum helfen. Wenn die klassischen Analgetika nicht erfolgreich sind, sollten Triptane versucht werden, die speziell gegen Migräne wirken. Es kann hilfreich sein, dabei unterschiedliche Darreichungsformen zu versuchen, also Tablette, Nasenspray oder als subkutane Injektion.

 

Wie kann man möglichst frühzeitig unterscheiden, ob es sich um Spannungskopfschmerzen oder Migräne handelt?

Prof. Dr. Tobias Freilinger: Im Gegensatz zur Migräne mit meist halbseitigen, schweren Kopfschmerz-Attacken und typischen Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit weist der Spannungskopfschmerz insgesamt weniger charakteristische Eigenschaften auf. Meist handelt es sich um beidseitige drückende Kopfschmerzen, die sich ähnlich wie ein Band oder ein zu enger Hut anfühlen. Anders als bei der Migräne nehmen Spannungskopfschmerzen durch leichte körperliche Belastung nicht zu und Übelkeit oder Erbrechen sind sehr untypisch.

 

Ich habe häufiger Kopfschmerzen und zusätzlich drei Migräneattacken pro Monat. Was kann ich tun?

Dr. med. Maureen Steinicke: Um die Anfallshäufigkeit und die Schwere der Kopfschmerzen zu reduzieren, können zunächst nichtmedikamentöse Maßnahmen angewendet werden. Hierzu zählen das Einhalten eines regelmäßigen Tagesablaufs, regelmäßige Schlafenszeiten sowie moderates Ausdauertraining an drei bis vier Tagen in der Woche und Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelrelaxation. Durch das Führen eines Kopfschmerzkalenders können Sie zudem mögliche Auslöser der Beschwerden identifizieren. Sollte weiterhin ein hoher Leidensdruck bestehen, die Anfallshäufigkeit zunehmen oder es sich um sehr schwere Anfälle handeln, sollte eine neurologische Untersuchung erfolgen, in der auch die Indikation für eine medikamentöse Prophylaxe geprüft werden kann.

 

Ich bin berufstätig und habe zwei Kinder. Meine häufigen Migräneattacken kann ich mir eigentlich gar nicht leisten. Kann ich Attacken vorbeugen?

Dipl.-Psych. Dr. Timo Klan: Ja, eine sinnvolle Vorbeugemaßnahme ist die regelmäßige, möglichst tägliche Durchführung einer etwa zehnminütigen Entspannungsübung, zum Beispiel Progressive Muskelrelaxation. Allein diese Maßnahme kann die Attackenhäufigkeit um durchschnittlich etwa 40 Prozent senken. Alternativ oder ergänzend kann eine medikamentöse Migräneprophylaxe eingeleitet werden. Medikamente der ersten Wahl sind Betablocker, Antikonvulsiva sowie ein Kalziumantagonist. Seit kurzer Zeit sind auch so genannte Antikörper für die Prophylaxe zugelassen. Diese können bei einem Nichtansprechen auf die herkömmlichen Medikamente als Behandlungsmaßnahme in Erwägung gezogen werden.

 

Für wen kommt eine Migräneprophylaxe in Betracht?

Dr. med. Astrid Gendolla: Grundsätzlich kommen vorbeugende Maßnahmen für alle Menschen in Betracht, die durch Ihre Erkrankung in Alltag, Beruf, Familie und Freizeit eingeschränkt sind. Die medikamentöse Prophylaxe hängt von der Häufigkeit und Intensität der Beschwerden ab, ob und wie gut die Akutmedikation wirkt, wie oft Sie Schmerzmittel einnehmen, ob die Migräne zu neurologischen Störungen führt und wie stark ihre Lebensqualität durch die Migräne eingeschränkt ist. Wer häufiger oder regelmäßig unter Migräne leidet, sollte mit dem Arzt über das Thema Prophylaxe sprechen.

 

Wie sind die Erfahrungen mit vorbeugenden Behandlungen – auch, was mögliche Nebenwirkungen betrifft?

Prof. Dr. Matthias Keidel: Angesichts der Wirksamkeit der heute verfügbaren Prophylaxemöglichkeiten überrascht es mitunter, dass sie nicht von mehr Patientinnen und Patienten in Anspruch genommen werden. Der Einsatz an Akutmedikamenten ließe sich dadurch potenziell senken. Wenn eine Prophylaxe durchgeführt wird, ist vor allem wichtig, dass sie mit dem behandelnden Arzt eng abgestimmt und vom Patienten konsequent angewendet wird. Sonst können mögliche Nebenwirkungen nicht vermieden werden und die Prophylaxe kann ihre Wirkung nicht vollständig entfalten.

 

Ich wurde schon vor Jahren mit unterschiedlichen vorbeugenden Medikamenten behandelt, die aber nicht geholfen haben. Wie unterscheidet sich die neue Therapie von den alten?

Priv.-Doz. Dr. med. Rolf Malessa: Die neue Form der Migräneprophylaxe wurde aufwändig entwickelt, um einen wesentlichen Migräne-Mechanismus gezielt zu blockieren. Daraus resultiert eine besonders gute Verträglichkeit, die wir bei den bisherigen zur Verfügung stehenden Migränemedikamenten so noch nicht gesehen haben. Wenn sich zeigen sollte, dass diese neue Therapie auch in der Langzeitanwendung sicher ist, so dürfen wir durchaus von einer neuen Ära in der Migränetherapie sprechen.

 

Seit Beginn meiner Wechseljahre haben die Migräneattacken zugenommen. Nun habe ich gelesen, dass sich das mit der Zeit bessert…

Dr. med. Maureen Steinicke: Tatsächlich kann in der Zeit um die Wechseljahre aufgrund hormoneller Veränderungen eine Häufung der Anfälle auftreten. In der Postmenopause, also nach Erreichen der Wechseljahre, kann es hingegen sowohl zu einer Verringerung als auch zu einer Zunahme oder keiner Veränderung der Migränehäufigkeit kommen; die Studienlage hierzu ist bisher uneindeutig.

 

Ich habe schon sehr lange häufige Migräneattacken und lebe in ständiger Angst vor der nächsten Attacke. Was hilft gegen die psychische Belastung?

Prof. Dr. Karl-Heinz Grotemeyer: Wenn die Diagnose gesichert ist und keine zusätzlichen anderen Kopfschmerzen oder Erkrankungen wie eine Angststörung oder Somatisierungsstörung vorliegen, dann ist zunächst eine Vorbeugung mit Entspannungstraining oder einem Betablocker zu empfehlen. Unter Umständen können auch weitere Maßnahmen der Prophylaxe systematisch versucht werden. Wichtig zu wissen ist, dass Stress und Angst bei migränefähigen Gehirnen mögliche Auslöser einer Attacke sind. Möglicherweise erhöht also Ihre Angst vor der Attacke die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Migräneanfall kommt. Diese Angst sollten Sie unabhängig von der Migräne auch psychiatrisch abklären lassen.

 

Welche Unterstützung bieten Patientenverbände Menschen mit chronischer Migräne an?

Günter Rambach: Zunächst einmal verständliche Informationen darüber, was Schmerz ist, welche Funktion er für den Körper hat und was chronische Schmerzen bedeuten. Neben der Wissensvermittlung steht bei der Deutschen Schmerzliga e.V. die aktive Unterstützung im Mittelpunkt, zum Beispiel durch Hilfe bei der Suche nach einem spezialisierten Arzt oder Therapeuten, durch Broschüren und dem Schmerztelefon. Und nicht zuletzt fördern wir den Austausch mit anderen Betroffenen in zahlreichen Selbsthilfegruppen im gesamten Bundesgebiet. Mehr dazu finden Sie unter www.schmerzliga.de.

 

Welche Therapie-begleitenden Maßnahmen können Sie mir empfehlen?

Lucia Gnant: Wenn sie von einem guten Arzt betreut werden, sind Sie schon einmal auf dem richtigen Weg. Zusätzlich können Sie selbst Veränderungen herbeiführen, die den Druck herausnehmen, der am Entstehen der Migräne mitbeteiligt ist. Versuchen sie, im Alltag Anspannung und Entspannung im Gleichgewicht zu halten. Lernen Sie, bewusst zu genießen und sich etwas zu gönnen. Nutzen Sie auch die Möglichkeit, Kontakt zu Selbsthilfegruppen aufzunehmen – oder gründen Sie selbst eine! Informationen dazu, Ratgeber und Buchtipps zum Thema Kopfschmerzen und Migräne finden Sie bei der MigräneLiga unter www.migraeneliga.de.

 

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Weitere Informationen unter

Ü MigäneLiga e.V. Deutschland: www.migraeneliga.de

Ü Deutsche Schmerzliga e.V.: www.schmerzliga.de

Ü Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.: www.dmkg.de

 

 

Die Experten am Lesertelefon waren:

 

  • Prof. Dr. med. dipl. psych. Matthias Keidel; Facharzt für Neurologie und Nervenheilkunde, Chefarzt Akutneurologie und neurologische Intensivmedizin, Neurologische Klinik am Campus Bad Neustadt/Saale
  • Prof. Dr. med. Karl-Heinz Grotemeyer; Facharzt für Neurologie & Psychiatrie, spezielle Schmerztherapie, Intensivmedizin, Praxis Grotemeyer, Saarbrücken
  • Prof. Dr. med. Tobias Freilinger; Facharzt für Neurologie, Chefarzt Klinik für Neurologie, Klinikum Passau
  • Priv. Doz. Dr. med. Rolf Malessa; Facharzt für Neurologie und Spezielle Schmerztherapie, Chefarzt Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie; Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar
  • Dipl.-Psych. Dr. Timo Klan; Psychologischer Psychotherapeut, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie am Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg Universität Mainz
  • Dr. med. Astrid Gendolla; Fachärztin für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie und Psychotherapie, Essen
  • Dr. med. Jürgen M. Klotz; Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Spezielle Schmerztherapie, leitender Oberarzt Klinik für Neurologie Klinikum Fulda, DMKG-Regionalbeauftragter Hessen, Fulda
  • Dr. med. Maureen Steinicke; Fachärztin für Neurologie, Kopfschmerzzentrum am Campus Mitte, Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie, Charité Berlin
  • Dr. med. Torsten Kraya; Facharzt für Neurologie, Chefarzt Fachabteilung Neurologie und Spezielle Schmerztherapie, Klinikum St. Georg, Leipzig
  • Lucia Gnant; Präsidentin der MigräneLiga e.V. Deutschland, Buchautorin, Leimen
  • Heike Rathmann; Schmerztelefon der Deutschen Schmerzliga e.V., Albersdorf
  • Günter Rambach; Vizepräsident der Deutschen Schmerzliga e.V., Frankfurt / Main

 

 

 Quelle: pr | nrw, Foto: contrastwerkstatt | fotolia.com



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