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Welt-Urtikaria-Tag: Tipps für Betroffene

Lesetelefon: Urtikaria

„Symptome kontrollieren, Auslöser identifizieren“

Rund ein Viertel aller Deutschen hat bereits einmal eine Urtikaria erlebt, bei einem von zehn Erkrankten ist die Nesselsucht sogar chronisch. Die für die Urtikaria typischen Symptome wie flüssigkeitsgefüllte Quaddeln, Rötung der Haut, Brennen und Juckreiz können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken.

  

Um die Krankheit in den Griff zu bekommen, müssen einerseits ihre möglichen Auslöser identifiziert werden, andererseits sollte das gesamte heute verfügbare therapeutische Spektrum zur Anwendung kommen. Worauf es bei der nicht immer einfach zu stellenden Diagnose und der Behandlung der Urtikaria ankommt, dazu informierten Expertinnen und Experten bei einem Lesertelefon in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Allergie- und Asthmabund DAAB. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

 

Soll ich mit Urtikaria-Symptomen auch dann zum Arzt gehen, wenn sie schnell wieder verschwinden?

Prof. Andrea Bauer: Klingen die Beschwerden innerhalb von sechs Wochen wieder ab, ist lediglich eine überbrückende symptomatische Therapie erforderlich. Dauern sie länger an, sprechen wir von einer chronisch spontanen Urtikaria. Über die symptomatische Therapie hinaus sollte dann eine gründliche Untersuchung und Anamnese erfolgen, um zugrundeliegende Ursachen identifizieren und behandeln zu können.

 

Mit welchen Langzeitfolgen ist eine chronische Urtikaria verbunden?

Dr. Karsten Weller: Problematisch ist sowohl die Unvorhersagbarkeit der Beschwerden als auch ihre Intensität: plötzlich und immer wieder aufschießende quälend juckende Quaddeln, entstellende Schwellungen im Gesicht, die aus heiterem Himmel auftreten sowie ein wiederkehrender, unerträglicher Juckreiz. Viele Patienten leiden deshalb unter erheblichen Schlafstörungen, haben tagsüber Schwierigkeiten sich zu konzentrieren und können Alltag, Privat- und Berufsleben nur noch schwer planen und meistern. Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, kann wiederum Depressionen und Angststörungen begünstigen, was die Belastung weiter erhöht. Umso wichtiger ist es, eine Therapie zu finden, die Krankheitssymptome zuverlässig kontrolliert und die Auslöser der Urtikaria aufdeckt.

 

Warum dauert es häufig so lange, bis Patienten eine gesicherte Diagnose erhalten?

Dr. Karsten Weller: Eigentlich ist das Stellen der Diagnose chronische Urtikaria nicht schwierig, wenn man die Erkrankung gut kennt. Tatsächlich haben viele Patienten aber einen langen Weg hinter sich, bevor eine wirksame Therapie eingeleitet wird. Ein Hauptproblem der chronischen Urtikaria ist, dass die Symptome stark schwanken und beim vereinbarten Arzttermin oft keine sichtbaren Quaddeln oder Schwellungen zu sehen sind. Gerade in der Urtikaria unerfahrenere Ärzte laufen dann Gefahr, die Erkrankung nicht zu erkennen oder in der Schwere zu unterschätzen. Das Risiko ist hoch, dass eine adäquate Diagnosestellung und Therapie unterbleibt und die Patienten sich nicht ernst genommen fühlen. Manche Betroffene versuchen dann erst einmal, selbst mit der Erkrankung klarzukommen bevor sie einen neuen Arztbesuch wagen.

 

Kann eine chronisch-spontane Urtikaria auch von selbst wieder abklingen?

Prof. Andrea Bauer: Tatsächlich können alle Urtikaria-Formen spontan wieder abklingen. Es lässt sich jedoch nicht vorhersagen, ob und wann. Was wir aber wissen ist: Patienten mit chronisch spontaner Urtikaria leiden häufig über lange Zeit an der Erkrankung. Bei über der Hälfte der Patienten dauert die Krankheit länger als ein Jahr an, bei fast einem Fünftel sogar mehr als acht Jahre. Rund fünf Prozent der Patienten leiden sogar länger als 20 Jahre unter den Symptomen.

 

Spielen Umwelteinflüsse bei der steigenden Zahl der Urtikaria-Fälle eine Rolle?

Prof. Andrea Bauer: Bei der Urtikaria geht man aktuell von einer autoimmunvermittelten Krankheit aus. Die eigentlichen Ursachen einer chronischen spontanen Urtikaria sind oft unbekannt – auch wenn die Auslöser identifiziert werden können. Krankheitsverstärkende Faktoren können Medikamente, Infektionen und Lebensmittelbestandteile sein.

 

Welche Bedeutung haben Allergien und Unverträglichkeiten als Auslöser einer Urtikaria?

Sibylle Plank: Bei der akuten Urtikaria im Erwachsenenalter stehen Infekte und Medikamente als Auslöser im Vordergrund; Lebensmittelallergien spielen hier mit einer Häufigkeit von unter einem Prozent eine geringere Rolle. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann eine akute Urtikaria jedoch häufiger Folge einer Lebensmittelallergie sein kann. Nach dem reinen Hautkontakt mit Lebensmitteln kann sich übrigens auch eine Kontakt-Urtikaria ausbilden, von der besonders häufig Köche, Bäcker oder Fleischer betroffen sind. Bei der chronischen Urtikaria hingegen sind Nahrungsmittelallergien als Auslöser sehr unwahrscheinlich. Allerdings können bei einem Teil der Patienten so genannte Pseudoallergien die Beschwerden verstärken. Auslöser können dabei Lebensmittelzusatzstoffe wie Konservierungsstoffe sein, aber auch natürliche Inhaltsstoffe wie phenolische Säuren oder Alkohol. Etwa ein Drittel der Patienten mit einer chronisch spontan verlaufenden Urtikaria leidet unter einer Pseudoallergie.

 

In wie weit sind Darm und Mikrobiom an einer Urtikaria beteiligt?

Sibylle Plank: Grundsätzlich können Infekte oder entzündliche Prozesse eine chronische Urtikaria auslösen oder verstärken, also auch solche des Magen-Darm-Trakts. Hier ist vor allem die Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori zu nennen, aber auch chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Außerdem sitzen Mastzellen – die zentralen „Schaltzellen“ bei der Urtikaria – auch in der Darmschleimhaut, so dass einige Patienten im Rahmen ihrer Urtikaria neben Quaddeln und Schwellungen an der Haut auch mit Beschwerden wie Durchfall zu kämpfen haben. In wie weit das Mikrobiom, also die Mikroorganismen, die Haut und Schleimhäute des Menschen besiedeln, bei der Urtikaria eine Rolle spielen, ist noch weitgehend ungeklärt. Es gibt erste Anhaltspunkte für eine Reduktion antientzündlich und regulatorisch wirkender Darmbakterien bei Patienten mit chronischer Urtikaria. Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, sind weitere Studien notwendig.

 

Wie kann ich sicherstellen, dass das gesamte therapeutische Spektrum bei der Behandlung meiner Urtikaria auch wirklich genutzt wird?

Dr. Karsten Weller: Die Therapie der chronischen Urtikaria richtet sich nach den Beschwerden des Patienten und der individuellen Wirksamkeit der Therapie. Die aktuellen internationalen Leitlinien schlagen einen guten Algorithmus für das praktische Vorgehen vor, also in welcher Reihenfolge und welcher Situation welche Therapien zu bevorzugen sind. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Patienten ihren behandelnden Arzt aktiv ansprechen, wenn sie das Gefühl haben, ihre aktuelle Therapie kontrolliere ihre Beschwerden nicht ausreichend. Arzt und Patient können dann gemeinsam eine Bewertung der aktuellen Krankheitssituation vornehmen. Hierfür gibt es hilfreiche und zuverlässige Fragebogeninstrumente, zum Beispiel den Urtikaria-Aktivitätsscore oder den Urtikaria-Kontrolltest.

 

Können auch Kinder an einer Urtikaria erkranken?

Dr. Caroline Mann: Ja – am häufigsten ist im frühen Kindesalter die akute spontane Urtikaria mit einer Dauer von weniger als sechs Wochen. Chronische Erkrankungsformen spielen erst im späteren Kindesalter zunehmend eine Rolle. Die Ursachen der Nesselsucht bei Kindern sind meistens Infektionen, beispielsweise begleitend zu einem grippalen Infekt, Mittelohrentzündungen oder Rachenentzündungen. Weitere Ursachen können Nahrungsmittelallergien oder pseudoallergische Reaktionen auf Arzneimittel sein. Auch ein Wurm- oder Parasitenbefall als Auslöser ist im Kindesalter nicht selten.

 

Worin unterscheidet sich die Urtikaria-Behandlung bei Kindern?

Dr. Caroline Mann: Die Behandlung der Urtikaria bei Kindern unterscheidet sich nur teilweise von der der Erwachsenen. Auch Kinder werden mit Anthistaminika behandelt, ab dem 12. Lebensjahr ist auch die Behandlung mit einem speziellen Antikörper zugelassen. Örtliche Beschwerden können lokal mit Coldpacks oder Schüttelmixturen aus Menthol und dem Wirkstoff Polidocanol gelindert werden. Soweit bekannt, müssen zudem nach Möglichkeit die Auslöser der Urtikaria gemieden werden. Bei bekannten Allergien gegen Nahrungsmittel oder Insektengifte wird bei Allergenkontakt die verordnete Notfallmedikation eingesetzt. Treten bei Kindern zusätzlich zur Nesselsucht Atemnot oder Kreislaufschwäche ein, ist sofort ärztliche Hilfe nötig.

 

Woran wird aktuell bei der Behandlung der Urtikaria geforscht?

Prof. Andrea Bauer: Die bisherige Standardtherapie der chronisch spontanen Urtikaria ist gemäß den aktuellen internationalen Leitlinien die Gabe von nicht müde machenden H1-Antihistaminika der zweiten Generation. Doch über 50 Prozent der Patienten haben trotzdem weiter regelmäßig Quaddeln. Für die Patienten, die auch auf eine Dosissteigerung der Antihistaminika nicht ansprechen, steht als weitere Therapieoption eine so genannte Anti-IgE-Therapie zur Verfügung. Aktuell wird eine weitere solche Antikörper-Therapie in einer klinischen Studie untersucht. Andere Entwicklungen setzen an den Signalübertragungen auf Zellebene an.

 

 

Infokasten

 

Leben mit Urtikaria

DAAB informiert zu Nesselsucht

 

Wie unterscheiden sich die Formen der Urtikaria voneinander? Welche Symptome sind typisch, welche Auslöser gibt es? Wie lässt sich die Urtikaria behandeln und welche Rolle spielt die Ernährung? Der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) fasst alles Wichtige zum Thema auf einer eigenen Website zusammen. Dazu zählen unabhängige, verständlich aufbereitete medizinische Informationen, Tipps für den Alltag sowie praktische Hilfen, zum Beispiel eine Urtikaria-Checkliste für den Arztbesuch.

 

8 www.urtikaria-hilfe.de

8 www.daab.de

 

 

O-Ton: A. Wallrafen, Bundesgeschäftsführerein DAAB e.V.

 

Ein Maximum an Lebensqualität – mit und trotz Urtikaria

 

„Die Behandlungsmöglichkeiten der Urtikaria haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Schaut man sich allerdings die aktuelle Behandlung der Patienten an, stellt sich die Frage, warum die neuen und effektiveren Therapieoptionen noch so selten eingesetzt werden. Die Betroffenen leiden nicht selten über Jahre an der Erkrankung und sind in ihrer Lebensqualität oft stark eingeschränkt. Neben alltäglichen Tätigkeiten ist dabei auch das Sozialleben beeinträchtigt.

Um Frustration aufseiten der Patienten und Ärzte zu vermeiden, sollten die Beschwerden ernst genommen, ausreichend behandelt und parallel mögliche Ursachen und Auslöser identifiziert werden. Nur auf Augenhöhe, wenn der Patient in die Behandlung integriert wird, können Arzt und Patient als Team entsprechende Strategien entwickeln, die auf Dauer die Lebensqualität der Patienten steigern. Kennzeichnend für die Arbeit des DAAB ist dabei eine ganzheitliche Sicht: Von der Suche nach dem Auslöser über Tipps für die erfolgreiche Therapie bis hin zu sinnvollen Strategien, um die Symptome in den Griff zu bekommen.“

 

Andrea Wallrafen
Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Allergie- und Asthmabunds e.V. (DAAB)

 

 

 

 

Die Experten am Lesertelefon waren:

 

  • Prof. Dr. med. habil. Andrea Bauer; Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Zusatzbezeichnungen Allergologie, Berufsallergologie; Oberärztin Bereich Allergologie, Berufs- und Umweltdermatologie an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden
  • Dr. med. Caroline Mann; Assistenzärztin an der Hautklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin, Prüfärztin für klinische Studien im Clinical Research Center, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
  • Priv.-Doz. Dr. Karsten Weller, Facharzt für Dermatologie und Venerologie, Oberarzt an der Klinik für Dermatologie, Venerologie, Allergologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin
  • Dipl. oec. troph. Sibylle Plank; Ernährungswissenschaftlerin an der Vital Klinik, Fachklinik für Hauterkrankungen, Alzenau

 

Quelle: pr | nrw, Foto: Clipdealer



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