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"Auch Ganzjahresreifen sind nicht wartungsfrei"

winterreifenReifenprofis geben Tipps für die sichere Fahrt durch den Winter

Ab Oktober ist Deutschland traditionell im Wechselfieber: Sommerreifen runter – Winterreifen drauf. Doch angesichts milderer Temperaturen und der Möglichkeit, Ganzjahresreifen zu fahren, ändert sich das Verhalten vieler Autofahrer*innen. Gleichzeitig nehmen Wetterextreme zu, bei denen von jetzt auf gleich Reifen mit hohen Sicherheitsreserven gefragt sind.

 

Hinzu kommen neue Entwicklungen in der Mobilität wie Elektroautos oder die zunehmende Nutzung von Carsharing-Angeboten. Auch hier spielt die Frage der Reifensicherheit eine entscheidende Rolle, wenn auch unter ganz neuen Aspekten. Experten der Initiative Reifenqualität informierten am Lesertelefon darüber, wie Autofahrende sicher durch die kalte Jahreszeit kommen. Wichtige Fragen und Antworten hier im Überblick:

 

Wann genau sind Winterreifen in Deutschland Pflicht?

Michael Breuer: Einen festen Zeitraum für die verpflichtende Verwendung von Winterreifen gibt es in Deutschland nicht. Hierzulande gilt eine „situative Winterreifenpflicht". Sie besagt, dass Kraftfahrzeuge nur bei winterlichen Straßenverhältnissen mit Winterreifen ausgestattet sein müssen. Unter winterlichen Straßenverhältnissen versteht man Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte. Unabhängig von den rechtlichen Vorgaben empfiehlt sich aber der Einsatz von Winterreifen aufgrund der erhöhten Sicherheit und Wirtschaftlichkeit im Vergleich zu Sommerreifen, wenn die Temperaturen tagsüber dauerhaft unter sieben Grad Celsius liegen.

 

Der letzte Winter war bei uns eher mild. Wann sind Ganzjahresreifen eine Alternative und wo liegen ihre Grenzen?

Christian Koch: Mit Ganzjahresreifen gehen Sie immer einen Kompromiss zwischen Sommer- und Winterreifen ein. Insbesondere bei der Laufleistung, bei extremen winterlichen Straßenbedingungen und beim Fahrverhalten im Grenzbereich, zum Beispiel bei sportlicher Fahrweise, müssen Sie mit Einschränkungen rechnen. Eine Alternative stellen Ganzjahresreifen damit vor allem für Autofahrende in urbanen Ballungsgebieten dar, bei eher geringer Jahresfahrleistung, und wenn Sie nicht zwingend auf Ihr Fahrzeug angewiesen sind.

 

Woran erkenne ich einen guten Winterreifen?

Roman Schneider: Vor allem an seinem wichtigsten und grundsätzlichsten Merkmal, dem Alpin-Symbol auf der Reifenflanke – einer Schneeflocke vor einem stilisierten Berg. Nur damit ist ein Reifen als Winterreifen offiziell deklariert. Über die Unterschiede zwischen den verschiedenen Modellen informieren jährlich aktualisierte Tests, zum Beispiel der Automobilclubs. Doch die Tests bilden nicht den gesamten Markt ab. Es macht daher Sinn, sich zusätzlich auf die Beratung im Fachhandel zu verlassen.

 

Gibt es spezielle Winter- oder Ganzjahresreifen für Elektroautos?

Norbert Allgäuer-Wiederhold: Einige Autohersteller entwickeln zusammen mit Reifenherstellern maßgeschneiderte Winterreifen für ihre Fahrzeuge. Wenn für Ihr Fahrzeug solche Reifen angeboten werden, sind sie die perfekte Wahl. Ansonsten gilt: Der Reifen muss vor allem vom Last- und Geschwindigkeitsindex her für Ihr Fahrzeug passen. Wegen des höheren Fahrzeuggewichts und den hohen Drehmomenten bei E-Autos sind Winterreifen hier Ganzjahresreifen vorzuziehen. Wer dann noch ein Markenprodukt wählt, fährt am sichersten.

 

Wie sehr beeinflussen Winterreifen die Reichweite beim E-Auto?

Stefan Ehl: Richtig ist: Ein hoher Rollwiderstand verringert die Reichweite eines E Autos. Der Effekt relativiert sich aber, wenn man ihn mit der Abnahme der Reichweite zum Beispiel bei Nutzung der Heizung sieht. Die Fahrzeugheizung und eine niedrige Außentemperatur haben einen wesentlich höheren Einfluss auf die Reichweite eines Elektroautos. Beim Kauf von Winterreifen sollte man dennoch auf eine möglichst gute Einstufung des Rollwiderstandes achten. Dazu sind Reifen in Rollwiderstandsklassen eingeteilt. Den geringsten Rollwiderstand haben Reifen der Klasse A.

 

Haben die schmaleren Reifen auf E-Autos weniger Traktion?

Norbert Allgäuer-Wiederhold: Die schmalen, großen Räder an einigen E-Autos zielen auf eine Senkung des Rollwiderstands ab, denn ein sehr großer Reifen verformt sich unter Last weniger und rollt dadurch leichter. Für die Funktion bei Nässe, Trockenheit oder auf Schnee hat ein großer Reifen keinen Nachteil, da es hier auf die Mischungsqualität und das Profildesign ankommt, weniger auf die Reifenbreite. Bei extremen Schneebedingungen bieten die großen Räder zudem mehr Bodenfreiheit und das Auto setzt nicht so schnell auf – ein Prinzip, das zum Beispiel bei Geländewagen Verwendung findet.

 

Ich habe mich für Ganzjahresreifen entschieden. Soll ich die Reifen regelmäßig überprüfen lassen?

Yorick Lowin: Auch wenn mancher Hersteller den Eindruck erweckt – Ganzjahresreifen sind nicht wartungsfrei. Wie bei allen Reifen kann auch hier zum Beispiel das Durchfahren von Schlaglöchern, das Schleifen an Bordsteinkanten oder eine Vollbremsung zu Unwuchten oder Beschädigungen führen. Um solche Sicherheitsmängel rechtzeitig zu erkennen, sollten auch Ganzjahresreifen mindestens einmal im Jahr überprüft werden. Bei diesen Reifenchecks können zudem die Reifen von der Vorder- auf die Hinterachse umgesteckt und neu ausgewuchtet werden, um eine gleichmäßige Abnutzung der Reifen und Laufruhe sicherzustellen. Beim Umstecken kann das Fachpersonal gleichzeitig Mängel an Bremsen, Stoßdämpfern, Radaufhängungen oder der Achse erkennen, die erhebliche Sicherheitseinbußen bedeuten können.

 

Wie lange soll ich Winterreifen fahren – bis Ostern oder bis die Temperaturen wieder steigen?

Michael Breuer: Winterreifen sollten so lange gefahren werden, bis die Temperaturen tagsüber wieder dauerhaft über sieben Grad Celsius liegen. Die Faustregel „O bis O“ – von Oktober bis Ostern – dient eher der grundsätzlichen Orientierung. Genauer ist die Berücksichtigung der tatsächlichen Temperatur.

 

Kommt es wegen der Pandemie zu Lieferengpässen bei Winterreifen?

Yorick Lowin: In der Tat kann es, wie auch vor der Pandemie, bei bestimmten Fabrikaten, Modellen und Reifendimensionen zu Lieferengpässen kommen. Der Reifenfachhandel wird jedoch jedem Kunden einen für ihn optimalen Reifen in der anstehenden Wintersaison besorgen können. Das Produktangebot ist so vielfältig, dass es genügend Alternativen für die jeweils individuellen Bedürfnisse und Anforderungen an einen neuen Satz Reifen gibt.

 

Worauf muss ich als Carsharing-Nutzer beim Thema Reifen achten?

Roman Schneider: Es liegt in der Verantwortung des Carsharing-Nutzers sicherzustellen, ob das Fahrzeug hinsichtlich der Bereifung „fahrtauglich“ ist. Dazu gehören natürlich die Profiltiefe, der Luftdruck, und ob die Bereifung an die Jahreszeit und Witterungsbedingungen angepasst und frei von sichtbaren Schäden ist. Es empfiehlt sich deshalb, vor jedem Fahrtantritt einen Blick auf alle vier Reifen zu werfen.

 

Wer haftet, wenn es bei einem Carsharing-Fahrzeug zu einem Unfall wegen Mängeln an der Bereifung kommt?

Stefan Ehl: Rechtlich gesehen zählt zunächst einmal, was im Carsharing-Vertrag geregelt ist. Häufig verpflichten die AGBs den Nutzer, vor dem Losfahren eine Kontrolle von Fahrzeug und Bereifung durchzuführen. Die Nachweispflicht für Schäden am Fahrzeug trägt nach der Rechtsprechung aber der Vermieter. Unabhängig davon sollte jeder Carsharing-Kunde im eigenen Interesse vor Antritt der Fahrt das Auto auf Schäden, insbesondere an der Bereifung, überprüfen. Stellen Sie dabei keine Beschädigung fest, haben Sie mit Blick auf Bereifung bei einem Unfall keine Haftungsfolgen zu befürchten.

 

Kann ich mit Ganzjahresreifen überall in Europa fahren?

Christian Koch: Grundsätzlich ja, denn bei Ganzjahresreifen mit einem Alpin-Symbol handelt es sich um für den Winterbetrieb zugelassene Reifen. Einem Einsatz im Winter steht damit nichts im Wege – es gelten die gleichen Regeln wie für Winterreifen.

 

Weitere Informationen unter www.reifenqualitaet.de

 

Die Expertinnen und Experten am Lesertelefon waren:

 

  • Norbert Allgäuer-Wiederhold: Dipl.-Ing. (FH), Dipl. Wirtsch. Ing. (FH) Pirelli Tyre Campus, Pirelli, München
  • Michael Breuer: Referent Abteilung Werkstätten und Technik des Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe e.V. (ZDK), Bonn
  • Dipl.-Ing. (FH) Stefan Ehl: Dipl.-Ing. (FH), Prüfingenieur der Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger e. V. (KÜS), Losheim am See
  • Christian Koch: Reifensachverständiger der DEKRA Automobil GmbH, München
  • Yorick Lowin: Geschäftsführer Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk e.V. (BRV), Bonn
  • Roman Schneider: Vertriebsleiter Deutschland, Cooper Tire & Rubber Company Deutschland GmbH, Dreieich

 

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Quelle: sprechzeit, Foto: LeManna | shutterstock


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