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"Vorbeugende Therapien bei Migräne verringern Schmerzmittelbedarf"

MigräneExperten gaben Tipps am Lesertelefon

Wer häufiger oder gar chronisch unter Migräne leidet, kennt die Angst vor der nächsten Attacke. Die starken Kopfschmerzen und die Begleitsymptome wie Übelkeit oder Überempfindlichkeit gegen Geräusche, Gerüche und Licht zwingen zum Rückzug aus dem Alltag, bis die Attacke vorüber ist. 

 

 

Hohe Lebensqualität sieht anders aus. Auch wenn die Migräne bis heute unheilbar ist, gibt es dennoch gute Nachrichten für Patientinnen und Patienten: Moderne Migräne-Therapien sind vielfältig und können den Leidensdruck senken, sowohl während der Zeit des Anfalls und – Dank neuer Behandlungsoptionen – auch vorbeugend. Wichtig ist dabei, die eigene Migräne kennen zu lernen und besser zu verstehen, um die therapeutischen Angebote bestmöglich zu nutzen. Worauf es dabei ankommt und welche Unterstützungsangebote Betroffene nutzen können, dazu informierten erfahrene Migränespezialisten sowie Vertreter der Migräneliga Deutschland und der Deutschen Schmerzliga am Lesertelefon. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

 

Worin unterscheidet sich die Migräne von Mensch zu Mensch? Worauf soll ich achten?

Dr. med. Astrid Gendolla: Ideal ist es, sich selbst genau zu beobachten. Manchmal kündigen sich Attacken bereits als Vorboten an: Das können Müdigkeit, Heißhunger oder Stimmungsschwankungen sein, die bis zu 24 Stunden vor dem eigentlichen Kopfschmerz auftreten. Solche so genannten Prodromalsymptome sind Teil des Anfalls. Wenn man diese erkennt, kann man die auftretenden Kopfschmerzen auch direkt behandeln.  

 

Wie dokumentiere ich meine Beobachtungen am besten?

Veronika Bäcker: Migräne lässt sich nicht anhand eines Röntgenbild nachweisen. Der Kopfschmerzkalender – handschriftlich oder über eine App – ist ein Protokoll, das aufzeigt, wie stark der Patient betroffen ist. Er bietet auch eine Orientierung darüber, ob eine medizinische Vorbeugung angesetzt wird und ob diese wirkt. Nicht zuletzt entscheidet es auch als Nachweis mit darüber, ob eine Rehabilitation, ein Schwerbehindertenausweis oder eine Rente bewilligt wird.

 

Worauf kommt es bei der Medikation im Akutfall an?

Dr. med. Klas Mildenstein: Im Akutfall sollte, sobald erkennbar ist, dass es sich um einen Migräneanfall handelt, ein wirksames Akutmedikament eingenommen werden. In der Regel handelt es sich um ein Triptan. Aber auch ASS oder Ibuprofen kommen in Frage. Wichtig: Je früher das Medikament in der Attacke eingenommen wird, desto besser kann es wirken.

 

Ab welcher Häufigkeit und Dosierung werden Schmerzmittel gefährlich?

Dr. Timo Klan: Schmerzmittel oder Triptane – also spezielle Schmerzmittel für Menschen mit Migräne – können bei der Behandlung der akuten Migräneattacke sehr wirksam sein. Eine wichtige Faustregel zur Dosierung lautet: Nicht mehr als an zehn Tagen im Monat und nicht mehr als drei Tage hintereinander sollte ein solches Medikament eingenommen werden. Bei länger andauernder Überdosierung besteht ansonsten die Gefahr, dass zusätzlich ein Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch entsteht.

 

Was kann ich tun, um einen Medikamentenübergebrauch zu vermeiden und gleichzeitig den Kopfschmerz zu lindern?

Prof. Dr. med. Matthias Keidel: Ein Übergebrauch von Medikamenten zur Behandlung von Spannungskopfschmerzen oder zur Behandlung von Migräneattacken kann zu einer Chronifizierung der Kopfschmerzen führen. Deshalb sollte die empfohlenen Einnahmehäufigkeit und -dauer auf keinen Fall überschritten werden. Verhindern lässt sich eine Chronifizierung des Kopfschmerzes durch die Einleitung einer gezielten medikamentösen Kopfschmerz-Prophylaxe, also eine vorbeugende Therapie. Durch die damit verbundene Reduzierung der behandlungsbedürftigen Kopfschmerzattacken oder -episoden verringert sich das Risiko eines Medikamentenübergebrauchs.

 

Welche vorbeugende Therapie ist die richtige für mich?

Priv.-Doz. Stefanie Förderreuther: Vorbeugen ist deshalb so wichtig, weil jede verhinderte Attacke nicht nur Ihre persönliche Lebensqualität erheblich verbessert, sondern auch den Bedarf an Schmerzmitteln verringert. Das verringert die Gefahr, durch zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln die Migräne zu verschlechtern. Entscheidend ist dabei natürlich auch, dass Sie zusammen mit Ihrem Arzt das richtige Medikament finden, das die Häufigkeit von Attacken nicht nur reduziert, sondern von Ihnen auch gut vertragen wird.

 

Für wen kommt eine Antikörpertherapie zur Vorbeugung in Betracht?

Priv.-Doz. Dr. med. Torsten Kraya: Die vorbeugende Therapie mit CGRP-Antikörpern bei Patienten mit Migräne ist eine sehr wirksame und gut verträgliche Behandlung, kommt jedoch nicht bei allen Betroffenen in Frage. Sie sollte den Patienten vorbehalten sein, bei denen die etablierten Therapien nicht wirksam sind. Grundsätzlich sollten in der Behandlung der Migräne von Beginn an die Edukation, die nichtmedikamentösen Verfahren und die klassischen medikamentösen prophylaktischen Therapien kombiniert werden.

 

Wie weit kann die „Migränespritze“ die Häufigkeit von Attacken senken?

Dr. med. Philipp Stude: Bei der so genannten Migränespritze handelt es sich um eine Gruppe von Medikamenten, die zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt werden. Diese Medikamente sind die ersten, die nur für die Behandlung der Migräne entwickelt worden sind. Sie werden einmal monatlich in die Bauchdecke gespritzt, sind sehr gut verträglich und wirken auch dann, wenn andere Medikamente zuvor nicht wirksam gewesen sind.

 

Beeinflusst die Antiköpertherapie das Risiko, an COVID-19 zu erkranken?

Dr. med. Florian Rimmele: Es gibt derzeit keinen Hinweis dafür, dass das Risiko für eine COVID-19 Erkrankung durch die CGRP (-Rezeptor) -Antikörpertherapie erhöht ist. Die Antikörpertherapie beeinträchtigt nach jetziger Kenntnis die Immunabwehr nicht. Eine grundlose Beendigung einer wirksamen Migränetherapie hingegen würde jedoch eine erhebliche Beeinträchtigung der Gesundheit bedeuten.

 

Was bedeutet episodische oder chronische Migräne?

Univ. Prof. Dr. med. Andreas Straube: Wenn eine episodische Migräne, also ein Migräne-Kopfschmerz, der nur an wenigen Tagen im Monat besteht, an Häufigkeit zunimmt, spricht man von einer chronischen Migräne. Dabei ändert sich auch der Charakter der Kopfschmerzen, so dass neben Tagen mit Migränekopfschmerzen auch Tage mit eher dumpfen, weniger intensiven Kopfschmerzen auftreten.

 

Was versteht man unter eine mulitimodalen Therapie?

Dr. med. Jürgen Klotz: Wenn Migräneattacken häufiger auftreten, werden Betroffene dadurch im Alltag erheblich beeinträchtigt. Dann bedarf es einer ganzheitlichen Behandlung. Die multimodale vorbeugende Therapie berücksichtigt individuell die biologischen, psychologischen und sozialen Aspekte der Erkrankung.

 

Welche nicht-medikamentösen Maßnahmen können die Migränebeschwerden bessern?

Dr. med. Katja Heinze-Kuhn: Neben medikamentösen Maßnahmen kann jeder Migränepatient selbst zusätzlich durch nichtmedikamentöse Ansätze tätig werden. Zum Beispiel mit einer Strukturierung des Tagesablaufes, gesunden Mahlzeiten und moderatem Ausdauersport lässt sich der Migräne multimodal vorbeugen.

 

Ist mein Hausarzt der richtige Ansprechpartner, wenn es um Kopfschmerzen geht?

Dr. med. Dipl.-Psych. Heinz-Peter Herbst: Bei einfachen Kopfschmerzen ist der Hausarzt eine erste gute Anlaufstelle. Dauern die Kopfschmerzen länger an oder entwickelt sich sogar eine Migräne, sollten Patienten zum Beispiel einen Facharzt für Neurologie aufsuchen. Generell gilt: Je früher Patienten einen Arzt aufsuchen, desto besser können Kopfschmerzexperten – etwa in einer Kopfschmerzambulanz oder einem Kopfschmerzzentrum – den Betroffenen helfen. Bei unklaren Beschwerden oder fehlendem Ansprechen auf die Behandlung ist ein Kopfschmerzexperte ein geeigneter Ansprechpartner.

 

Wie finde ich einen Schmerztherapeuten?

Heike Lippke: Schmerzen sind ein Alarmsignal, das leider zu oft ignoriert wird und sich zu einer ernsthaften chronischen Schmerz-Erkrankung ausweiten kann. Ein Arztbesuch ist einer eigenen Behandlung immer vorzuziehen. Notieren Sie sich die gesundheitlichen Probleme, ihre Fragen hierzu und bitten sie bei Bedarf um die Überweisung zu einem Schmerztherapeuten. Das Team der Deutschen Schmerzliga e.V. ist Ihnen bei der Suche nach einem Schmerztherapeuten gern behilflich.

 

Warum leide ich im Homeoffice vermehrt unter Migräneanfällen?

Prof. Dr. med. Karl-Heinz Grotemeyer: Das Homeoffice kann für Betroffene Fluch und Segen zugleich sein. Zwar entfällt der stressige Arbeitsweg, zugleich achten viele Arbeitnehmer jedoch nicht auf regelmäßige Pausen. Wenn Kopfschmerzen im Zuge des Homeoffice gehäuft auftreten, gilt es die Alarmsignale des Körpers richtig zu deuten. Oft sind es nur Kleinigkeiten, wie ein nicht ergonomischer Arbeitsplatz mit Laptop, die über vermehrten Spannungskopfschmerz eine Migräne scheinbar verschlimmern. Spätestens wenn die Schmerzen beginnen, das Berufs- und Privatleben einzuschränken, sollten Sie das Gespräch mit einem Spezialisten suchen.

 

Die Experten am Lesertelefon waren:

  • Veronika Bäcker: Präsidentin der MigräneLiga e.V. Deutschland, Landau
  • Heike Lippke: Geschäftsstellenleiterin der Deutschen Schmerzliga e.V., Frankfurt/Main
  • Univ. Prof. Dr. med. Andreas Straube: Facharzt für Neurologie, Zertifizierter DMKG Kopfschmerzexperte, Oberarzt an der Neurologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, Klinikum Großhadern
  • Prof. Dr. med. Karl-Heinz Grotemeyer: Niedergelassener Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Zertifizierter Kopfschmerztherapeut und Regionalbeauftragter der DMKG, Saarbrücken
  • Prof. Dr. med. Matthias Keidel: Facharzt für Neurologie, Zertifizierter DMKG Kopfschmerexperte und Regionalbeauftragter der DMKG, Chefarzt der Klinik für Neurologie/Akutneurologie I, Rhön-Klinikum, Campus Bad Neustadt a.d.S.
  • Priv.-Doz. Stefanie Förderreuther: Fachärztin für Neurologie, Zertifizierte DMGK Kopfschmerzexpertin und 1. Vizepräsidentin der DMKG, Oberärztin und Leiterin des Neurologischen Konsiliardienst, Neurologische Klinik der LMU München
  • Dr. med. Astrid Gendolla: Niedergelassene Fachärztin für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie und Psychotherapie, Zertifizierte DMKG Kopfschmerzexpertin und Regionalbeauftragte der DMKG, Essen
  • Dr. med. Dipl.-Psych. Heinz-Peter Herbst: Niedergelassener Facharzt für Neurologie, Zertifizierter DMKG Kopfschmerzexperte, Neurozentrum Stuttgart
  • Dr. med. Florian Rimmele: Facharzt für Neurologie, Zertifizierter DMKG Kopf- und Gesichtsschmerzexperte, Universitätsmedizin Rostock, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Kopfschmerzzentrum Nord-Ost
  • Dr. med. Jürgen Klotz: Facharzt für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie, Zertifizierter DMKG Kopf- und Gesichtsschmerzexperte, DMKG Regionalbeauftragter, Leitender Oberarzt des Klinikum Fulda, Neurologische Klinik Fulda
  • Dr. med. Katja Heinze-Kuhn: Fachärztin für Neurologie, Oberärztin an der Schmerzklinik Kiel, Migräne- und Kopfschmerzzentrum, (DMKG Hospitations-Kopfschmerz-Zentrum)
  • Dr. med. Klas Mildenstein: Niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin, Neurologie, Spezielle Schmerztherapie, Zertifizierter DMKG Kopf- und Gesichtsschmerzexperte, DMKG Regionalbeauftragter, Laatzen
  • Dr. med. Philipp Stude: Niedergelassener Facharzt für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie, Zertifizierter DMKG Kopf- und Gesichtsschmerzexperte, Bochum
  • Dr. med. Timo Klan: Psychologischer Psychotherapeut (VT), Regionalbeauftragter der DMKG, Leitung Schmerzschwerpunkt, Psychologisches Institut, Abteilung Klinische Psychologische und Psychotherapie Mainz
  • Priv.-Doz. Dr. med. Torsten Kraya: Facharzt für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie, Zertifizierter DMKG Kopf- und Gesichtsschmerzexperte, Chefarzt des Klinikum St. Georg, Klinik für Neurologie, Leipzig

 

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Quelle: pr | nrw, Foto: Clipdealer.com



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