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„Stillende Mütter erfüllen ein Grundbedürfnis ihres Kindes“

weltstillwocheExpert*innen gaben Tipps rund ums Stillen und ein stillfreundliches Umfeld

„Wir alle tragen dazu bei, Deutschland stillfreundlicher zu machen“, so das Fazit des Lesertelefons anlässlich der Weltstillwoche 2021. Die positiven Effekte des Stillens für Kind und Mutter liegen klar auf der Hand, doch bei der Entscheidung fürs Stillen zählt neben Argumenten auch die Unterstützung, auf die werdende und junge Mütter zurückgreifen können. 

Im gesellschaftlichen Umfeld, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft helfen mehr Wissen übers Stillen und stillfreundliche Rahmenbedingungen, Frauen den Rücken zu stärken. Wie dies gelingen kann, darüber sprachen Expertinnen und Experten des Netzwerks Gesund ins Leben mit Leserinnen und Lesern in der Sprechzeit.

 

Reicht Stillen in den ersten Lebensmonaten tatsächlich aus?

Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn: Im ersten halben Jahr brauchen die meisten Babys nur Muttermilch. Ihre Zusammensetzung liefert dem Baby die auf Wachstum und gesunde Entwicklung perfekt abgestimmten Nährstoffe. Und sie ist einfach praktisch: Hygienisch einwandfrei, richtig temperiert, kostet nichts, schnell und überall verfügbar. Babys, die ausschließlich gestillt werden, benötigen in dieser Zeit keine zusätzliche Flüssigkeit. Ist das Baby reif für Beikost, zeigt es das: Es öffnet den Mund, wenn ein Löffel kommt und verfolgt neugierig, wenn andere essen. Wichtig ist auch die motorische Entwicklung des Babys: Es kann den Kopf halten, mit Unterstützung aufrecht sitzen und schiebt den Brei nicht sofort wieder aus dem Mund heraus. Auch nach Einführung von Beikost bleibt Muttermilch eine wichtige Nahrungsquelle für das Kind und hat weiterhin positive Effekte für beide.

 

Müssen Babys immer sofort gestillt werden? Auch in der Nacht, auch im Bus?

Lysann Redeker: Stillen nach Bedarf ist richtig, denn hungrige Babys können nicht warten. In den ersten Lebenswochen kann es sein, dass das Baby bis zu zwölfmal am Tag oder auch mehr gestillt werden möchte. Diese Phasen, in denen es gefühlt ständig trinken möchte, sind auch bekannt als „Cluster Feeding“. Sie sind normal und gehen wieder vorbei. Wenn ein Baby nachts häufig aufwacht, stellen sich viele Mütter die Frage, ob es Hunger hat. Dabei ist es normal, dass Babys nachts häufig aufwachen. Flaschengefütterte Babys schlafen nicht besser.

 

Muss Stillen wirklich in der Öffentlichkeit geschehen? Können die Mütter nicht besser zu Hause stillen?

Prof. Dr. phil. Claudia Hellmers: Stillen ist selbstverständlich – überall. Stillende Mütter sind Teil unserer Gesellschaft und sollen sich nicht verstecken müssen, wenn sie ein Grundbedürfnis ihres Kindes erfüllen. Ob ein Baby oder auch die Mutter Ruhe beim Stillen braucht, ist individuell und je nach Situation verschieden. Vielen Babys ist es egal, wo sie gestillt werden und ob es laut oder leise ist. Manche Babys mögen keine Stilltücher, wenn sie gefüttert werden. Die Mutter ist die Expertin und kann dies am besten einschätzen und entscheiden. Zeigen Sie der Mutter, dass sie willkommen ist, etwa indem Sie ihr in öffentlichen Verkehrsmitteln einen Sitzplatz anbieten, sie anlächeln oder im Café unaufgefordert ein Glas Wasser reichen.

 

Meine Nachbarin stillt immer noch – warum brauchen Kleinkinder noch die Brust?

Nora Imlau: Nicht jedes Kleinkind möchte noch gestillt werden. Viele Kinder sind hierzulande in diesem Alter abgestillt, und das ist völlig in Ordnung. Genauso in Ordnung ist es jedoch, wenn eine Mutter entscheidet, ihrem Kind länger die Brust zu geben. Denn die Stillzeit eines Kindes ist individuell unterschiedlich und in vielen Ländern stillen Mütter ihre Kinder deutlich länger als in unserer Kultur üblich. Konkret heißt das: Lange zu stillen ist nicht weniger normal als kurz zu stillen, es ist für viele nur ein ungewohnter Anblick.

 

Meine Frau bekommt bald ihr erstes Baby. Wie kann ich sie beim Stillen unterstützen?

Lysann Redeker: Im Alltag spielen die Partner*in, die Familie, aber auch der Freundeskreis eine wichtige Rolle, indem sie die Stillende entlasten, etwa durch Einkaufen, Putzen, Wickeln oder Spazierengehen. Allein schon Ihr Zuspruch und Ihre positive Einstellung geben Ihrer Partnerin Kraft. Auch wenn das Baby oft im Mittelpunkt steht: Vergessen Sie darüber nicht Ihre Partnerin und ihre Bedürfnisse. Insbesondere der Stillbeginn ist eine sensible Phase, in der Sie gefragt sind. Schenken Sie Ihrer Partnerin vor allem Ruhe und Zeit.

 

An wen kann ich mich wenden, wenn es mit dem Stillen nicht gut klappt?

Lysann Redeker: Stillen ist ein Lernprozess, der insbesondere am Anfang herausfordernd sein kann. Gerade dann ist es wichtig, sich zu informieren und ggf. professionelle Unterstützung bei Fachkräften zu suchen. Für die Suche vor Ort gibt es im Internet verschiedene Suchmaschinen.

Einen Überblick über verschiedene Beratungsangebote bei Stillproblemen findet man auf der Seite des Netzwerks Gesund ins Leben unter www.gesund-ins-leben.de. Gesund ins Leben ist ein Netzwerk von Institutionen, Fachgesellschaften und Verbänden zur Förderung der frühkindlichen Gesundheit – von der Schwangerschaft bis ins Kleinkindalter.

 

Kann ich auch noch bei der Einführung von Beikost oder beim Abstillen auf die Unterstützung der Hebamme zurückgreifen?

Prof. Dr. phil. Claudia Hellmers: Ja. Ihre gesetzliche Krankenkasse zahlt Beratung und Hausbesuche durch die Hebamme mindestens, bis Ihr Kind neun Monate alt ist. Konkret heißt das: Bis zum zehnten Tag nach der Geburt trägt die Krankenkasse täglich mindestens einen Besuch Ihrer Hebamme. Bis Ihr Kind zwölf Wochen alt ist, können Sie Ihre Hebamme darüber hinaus bis zu 16-mal persönlich oder telefonisch um Rat bitten. Wenn es danach Schwierigkeiten beim Stillen oder mit der Ernährung des Babys gibt, etwa zur Einführung der Beikost, kann Ihre Hebamme Sie auch danach noch beraten. In dem Fall übernimmt die Krankenkasse bis zu acht weitere Besuche oder Beratungen, bis Ihr Kind neun Monate alt ist. Für eine darüberhinausgehende Betreuung ist eine ärztliche Verordnung nötig.

 

Ich fühle mich immer etwas unsicher, wenn ich unterwegs stille und dabei von vielen Leuten umgeben bin. Was kann ich tun?

Nora Imlau: Ist es nicht schade, dass eine so normale Sache wie das Stillen in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich ist und sich viele dabei unsicher fühlen? So geht es nämlich ganz vielen Frauen - leider! Was hilft? Sich klarmachen, dass Stillen weder anstößig noch peinlich ist, sondern einfach die normale Art, ein Baby zu ernähren. Sie dürfen genauso selbstbewusst und selbstverständlich überall da stillen, wo es auch okay wäre, eine Flasche zu geben.

Scheuen Sie sich nicht, nach einem ruhigeren Rückzugsort zu fragen, wenn Ihnen dabei wohler ist. In den meisten Einkaufszentren, Restaurants und Cafés wird man Ihnen gerne einen Ort anbieten, wo Sie fern von allem Trubel ganz in Ruhe stillen können.

 

Meine Tochter möchte bald wieder arbeiten gehen, gleichzeitig aber auch weiterhin stillen. Wie kann das gelingen?

Prof. Dr. phil. Claudia Hellmers: Stillende Frauen sind durch das Mutterschutzgesetz besonders geschützt. Dies gilt auch für Auszubildende, Studentinnen und Schülerinnen. So kann die Mutter beispielsweise während der ersten zwölf Monate nach der Geburt bei einer vollen Stelle zweimal täglich eine halbe Stunde oder einmal pro Tag eine Stunde stillen. Diese Zeiten müssen nicht nachgearbeitet werden. Auch muss bei Bedarf eine Möglichkeit zum Abpumpen und Ausruhen bereitgestellt werden. Informationen erhalten Sie zum Beispiel über das Servicetelefon des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) unter 030 - 201 791 30 oder in einer durch den Ausschuss für Mutterschutz erstellten Broschüre (www.ausschuss-fuer-mutterschutz.de).

 

Was können Arbeitgeber tun, um stillfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen?

Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn: Stillende benötigen Informationen und Unterstützung, auch im betrieblichen Umfeld. Wenn eine Mitarbeiterin in der Stillzeit wieder arbeiten möchte, kommt frühzeitig eine eingearbeitete Fachkraft zurück, die durch das Stillen ihre Gesundheit und die ihres Kindes schützt. Arbeitgeber können sie vielfältig stärken, beispielsweise indem sie einen ansprechenden Raum zum Stillen mit Kühlmöglichkeit für abgepumpte Milch bereitstellen, flexible Arbeitszeiten anbieten oder Programme zum Wiedereinstieg. Führungskräfte sind Vorbild für eine stillfreundliche Atmosphäre am Arbeitsplatz und erhöhen dadurch die Akzeptanz auch im Kollegium. So erleichtern sie der Mutter den Wiedereinstieg. Informationen erhalten Arbeitgeber über das Servicetelefon des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), 030 - 201 791 30 oder in einer durch den Ausschuss für Mutterschutz erstellten Broschüre für Arbeitgeber 

(www.ausschuss-fuer-mutterschutz.de ).

 

 Weitere Informationen unter www.gesund-ins-leben.de

 

Ihre Fragen beantworten die Expert*innen in der Sprechzeit:

 

  • Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn: Facharzt für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, St. Joseph-Krankenhaus Berlin Tempelhof, Sprecher der Nationalen Stillkommission am Max Rubner-Institut (MRI)
  • Prof. Dr. phil. Claudia Hellmers: Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück, Beiratsmitglied u. a. im Nationalen Zentrum Frühe Hilfen, pro familia Landesverband Niedersachsen e.V.
  • Nora Imlau: Journalistin mit Schwerpunkt Familien- und Bindungsthemen, u.a. freie Redakteurin bei ELTERN und ELTERN family, Stillbegleiterin
  • Lysann Redeker: Hebamme und Still- und Laktationsberaterin IBCLC am Klinikum St. Georg Leipzig, Beauftragte für Stillen und Ernährung des Sächsischen Hebammen-Verbands (SHV)

 

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Quelle: sprechzeit, Foto: blende11 | stock.adobe.com


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