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"Erst mit der Diagnose kann der Kampf gegen weiteren Knochenabbau beginnen"

osteoporoseExpert*innen informierten zur Erkennung und Behandlung von Osteoporose

Die Osteoporose gilt als lautlose Erkrankung: Über Jahre und Jahrzehnte nehmen Knochenmasse und -dichte ab, ohne dass die Betroffenen Schmerzen oder Einschränkungen verspüren. Irgendwann ist der Knochen so geschwächt, dass schon eine geringe Belastung zu einem Bruch führen kann. 

 

Den Knochenbruch als Warnsignal gilt es nicht zu überhören und eine Diagnose in die Wege zu leiten, um eine weitere Schwächung der Knochen und neue Frakturen zu verhindern. Doch häufig werden Knochenbrüche nicht in Zusammenhang mit einer Osteoporose gebracht – mit gravierenden Folgen für die Betroffenen. Wer zu den Risikogruppen für eine Osteoporose zählt, wie sich die Erkrankung schon vor dem ersten Knochenbruch entdecken lässt und worauf es ankommt, wenn es zu einer Knochenschwundfraktur gekommen ist, dazu informierten Expertinnen und Experten anlässlich des Welt-Osteoporose-Tages in der Sprechzeit. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

 

Wann ist das Risiko für eine Osteoporose erhöht?

Dr. med. Christiane Karrenberg: Ein wesentlicher Faktor ist das Alter: Bei Frauen beträgt das generelle Erkrankungsrisiko ab dem 50. Lebensjahr 40 Prozent, bei Männern 13 Prozent. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko weiter an, bei Frauen besonders nach den Wechseljahren. Hinzu kommen Faktoren wie Bewegungsmangel, Untergewicht, Rheuma, Zöliakie, Hormon- und Stoffwechselerkrankungen wie etwa Diabetes oder eine Überfunktion der Schilddrüse sowie die Einnahme bestimmter Medikamente, darunter Cortison oder Aromatasehemmer. Auch wenn Verwandte an Osteoporose erkrankt sind, kann das persönliche Osteoporose-Risiko höher sein.

 

Für wen ist eine Knochendichtemessung als Früherkennung sinnvoll?

Dr. Thorsten Freikamp: Vor allem für Menschen, bei denen bereits Hinweise auf eine reduzierte Knochendichte vorliegen oder die einen oder mehrere der genannten Risikofaktoren aufweisen. In diesen Fällen kann anhand der Messergebnisse zuverlässig ermittelt werden, wie man einer weiteren Schwächung der Knochen entgegenwirken kann und ob bereits eine Medikamentengabe angezeigt ist. Im Übrigen ist eine Knochendichtemessung bei Frauen über 70 und Männern über 80 Jahren zu empfehlen.

 

Wer führt die Knochendichtemessung durch?

Dr. med. Ortrun Stenglein-Gröschel: Sinnvollerweise suchen Sie dazu eine Osteologin oder einen Osteologen auf, welche die Messergebnisse beurteilen und gegebenenfalls eine Therapie einleiten können. Adressen von Osteolog:innen in Ihrer Nähe finden Sie unter www.dv-osteologie.org.

 

Wird die Knochendichtemessung von meiner Krankenkasse bezahlt?

Dr. Thorsten Freikamp: Patienten mit einem erhöhten Risiko für Osteoporose haben Anspruch auf die Knochendichtemessung als Kassenleistung. Wurde eine Osteoporose bereits diagnostiziert, haben die Betroffenen einen Anspruch auf eine erneute Knochendichtemessung nach fünf Jahren. In manchen Fällen gelten auch kürzere Intervalle. Einen Anspruch auf Kostenübernahme haben auch die von einer sekundären Osteoporose betroffenen Patient:innen. Von einer sekundären Osteoporose spricht man, wenn die Osteoporose Folge einer anderen Erkrankung oder deren medikamentöser Behandlung ist.

 

Warum wird eine Osteoporose häufig übersehen?

Prof. Dr. Dr. med. Eric Hesse: Eine Osteoporose an sich ist nicht schmerzhaft, Beschwerden treten meist erst nach einem Knochenbruch auf. Doch dann ist die Krankheit bereits weit fortgeschritten: Knochenstruktur und Festigkeit sind bereits erheblich beeinträchtigt. Um eine Osteoporose frühzeitig zu erkennen, müssen Untersuchungen anhand der gültigen Leitlinie durchgeführt werden. Sie beinhalten eine ausführliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung, eine Knochendichtemessung sowie Laboruntersuchungen. Diese Maßnahmen werden oft nicht durchgeführt, weshalb eine Osteoporose übersehen werden kann.

 

Wie läuft die Diagnostik bei einem Verdacht auf Osteoporose ab?

Dr. med. Ulla Stumpf: Das diagnostische Vorgehen beinhaltet ein ausführliches Gespräch (Anamnese) und eine klinische Untersuchung des Patienten. Die Erfassung von Risikofaktoren für eine Osteoporose und des Sturzrisikos erfolgt meist über einen standardisierten Fragebogen. Ergänzt wird die Diagnostik durch Röntgenaufnahmen von Brustwirbelsäule und Lendenwirbelsäule, die Messung der Knochenmineraldichte mit dem Standardverfahren der DXA-Messung sowie die Erhebung von Labordaten zur Abklärung möglicher Ursachen der Osteoporose. Die Osteoporose-Diagnostik kann meist ambulant in einer Praxis erfolgen.

 

Ist die Knochendichtemessung mit Schmerzen verbunden?

Dr. med. Christiane Karrenberg: Nein, die Untersuchung ist vollkommen schmerzfrei. Bei der Knochendichtemessung mittels DXA handelt es sich um eine Röntgenuntersuchung mit sehr niedrig dosierten Röntgenstrahlen, bei der der Mineralsalzgehalt des Knochens gemessen wird, meist an der Lendenwirbelsäule und an der Hüfte. Die Untersuchung, bei der die Patientin/der Patient auf dem Rücken liegt, dauert nur wenige Minuten.

 

Was bedeutet der T-Score?

Dr. med. Ortrun Stenglein-Gröschel: Mit diesem Begriff bezeichnet man das Ergebnis der DXA-Messung. Der Wert beschreibt die Abweichung im Vergleich zur durchschnittlichen Knochendichte gesunder Menschen im Alter von 30 Jahren. In diesem Alter ist die maximale Knochendichte zu finden. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation liegt bei einem T-Score von unter – 2,5 eine Osteoporose vor.

 

Wie geht es nach der Diagnose weiter?

Dr. med. Friederike Thomasius: Die Basistherapie umfasst eine ausreichende Calciumzufuhr von 1.000 Milligramm täglich – am besten durch die Ernährung, 1.000 Einheiten Vitamin D täglich als Supplement und – soweit möglich – ein dem Muskelstatus angepasstes Muskeltraining. Eine weitergehende medikamentöse Therapie legt Ihre behandelnde Ärztin/Ihr Arzt fest. Dazu stehen Medikamente zur Verfügung, die Knochenabbau hemmen oder Knochen aufbauen können – oder beides zugleich.

 

Was geschieht, wenn eine Osteoporose nach einem Knochenbruch unbehandelt bleibt?

Prof. Dr. Dr. med. Eric Hesse: Ein Knochenbruch im Zusammenhang mit einer Osteoporose belegt, dass die Knochenstruktur und die Qualität des Knochens schlecht sind, so dass der Knochen aufgrund eines Bagatellsturzes oder sogar ohne Sturz bricht. Das Risiko eines Knochenbruchs ist somit deutlich erhöht. Wird nach einer osteoporotischen Fraktur keine geeignete Behandlung eingeleitet, bleibt dieses Risiko nicht nur erhöht, es steigt sogar maßgeblich an. Mögliche Folgen weiterer Knochenbrüche sind erhebliche Beschwerden, Beeinträchtigungen im Alltag und ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko. Aus diesem Grund muss eine Behandlung zügig eingeleitet werden.

 

Können Knochendichte und -struktur mit Medikamenten wieder verbessert werden?

Dr. med. Friederike Thomasius: Es gibt zwei Medikamente, die sowohl die Knochendichte als auch die Knochenstruktur verbessern. Diese Medikamente können Knochen aufbauen, wirken also „anabol“. Sie sind für Patient:innen zugelassen, die an einer schweren Osteoporose mit Knochenbrüchen, zum Beispiel mehreren Wirbelbrüchen, erkrankt sind. Nach Abschluss dieser knochenaufbauenden Phase findet eine Umstellung auf ein antiresorptives, also abbauhemmendes Mittel statt, um den neu aufgebauten Knochen vor Abbau zu bewahren.

 

Muss ich die Medikamente gegen Osteoporose dauerhaft einnehmen?

Dr. med. Ulla Stumpf: Prinzipiell ist die Osteoporose eine chronische Erkrankung, die einer dauerhaften Therapie bedarf. Dafür stehen den Ärzt:innen verschiedene Medikamente zur Verfügung, deren Anwendung je nach Krankheitsfortschritt und individuellen Präferenzen der Patient:innen in unterschiedlicher Abfolge verordnet werden kann. Wir sprechen hier auch von einer Sequenztherapie.

 

Welche Möglichkeiten, die Folgen einer Osteoporose zu mindern, gibt es noch?

Dr. med. Friederike Thomasius: Zum Erfolg der Therapie trägt eine gesunde, am besten mediterrane Ernährung ebenso bei wie Bewegung und Beanspruchung der Muskulatur. Auch dem altersbedingtem Muskelabbau kann Ernährung entgegenwirken, zum Beispiel durch Proteine, die in Molke enthalten sind. Die regelmäßige Überprüfung von Sehkraft und Hörvermögen, die Entfernung von Stolperfallen im häuslichen Umfeld und ein Koordinationstraining zur Vermeidung von Stürzen können ebenfalls Risiken minimieren. Bei entsprechender Gefährdung können Hüftprotektoren helfen, bei einem Sturz vor einem Oberschenkelhalsbruch zu schützen.

 

Muss die Knochendichtemessung irgendwann wiederholt werden?

Dr. med. Christiane Karrenberg: Die generelle Empfehlung bei einem T-Score von unter – 1,0 lautet, die Messung nach fünf Jahren zu wiederholen. Je nach Risikoprofil des Patienten sind jedoch kürzere Zeitintervalle notwendig. Im Falle von zu erwartenden rapiden Knochendichteverlusten, etwa unter hoher Cortisontherapie, sollte man kürze Abstände von ein bis zwei Jahren wählen. Auch bei einem hohen T-Score, bei bereits aufgetretenen osteoporotischen Knochenbrüchen und bei neu hinzukommenden Risikofaktoren sollte der zeitliche Abstand kürzer sein.

 

Wo kann ich eine Selbsthilfegruppe zum Thema Osteoporose finden?

Dr. Thorsten Freikamp: Zum einen listet der Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose e. V. Selbsthilfegruppen (SHG) auf seiner Website www.osteoporose-deutschland.de auf. Dort sind rund 300 Selbsthilfegruppen nach Postleitzahl zu filtern und die Ansprechpartner mit Kontaktdaten verzeichnet. Auch bei den Selbsthilfekontaktstellen aller Kreise und kreisfreien Städte liegen Informationen über örtliche SHG vor. Nicht zuletzt führen auch die Krankenkassen ein Verzeichnis der Osteoporose-SHG. Diese sind dort als Anbieter eines speziellen Osteoporose-Funktionstrainings gelistet, das die Krankenkassen nach ärztlicher Verordnung unterstützen

 

Interessante Links: 

 

 

 

Die Fragen der Leserinnen und Leser beantworteten:

 

  • Dr. Thorsten Freikamp: Geschäftsführer des Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose e. V.; Düsseldorf
  • Prof. Dr. Dr. med. Eric Hesse: Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Osteologe DVO Direktor des Instituts für Molekulare Muskuloskelettale Forschung sowie Co-Direktor des Muskuloskelettalen Universitätszentrums München, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), München
  • Dr. med. Christiane Karrenberg: Niedergelassene Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie; Osteologin DVO; Sportmedizin, Chirotherapie, Akupunktur; Osteologisches Schwerpunktzentrum DVO; Rösrath
  • Dr. med. Ortrun Stenglein-Gröschel: Fachärztin für Orthopädie, Chirotherapie, Sportmedizin; Osteologin DVO; Orthopädie im Reichsgraf, Ambulantes osteologisches Schwerpunktzentrum DVO; Coburg
  • Dr. med. Ulla Stumpf: Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie, Muskuloskelettales Universitätszentrum München, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), München
  • Dr. med. Friederike Thomasius: Osteologin DVO, Innere Medizin, Koordinatorin der Leitlinienkommission Osteoporose des DVO (Dachverband Osteologie e.V.); Frankfurter Hormon- und Osteoporosezentrum; Frankfurt/Main

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Quelle: sprechzeit, Foto: clipdealer.de


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